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~ Die Hülle ~

Das Buch macht schon allein deshalb Lust, es besitzen zu wollen, weil es so herrlich grün aussieht, so ein Grün, das an Kermit den Frosch erinnert und ohne, dass man viel tut, von ganz allein gute Laune verstreut. Es zwickt einem in der Nase, in den Augen und in den Fingern. Es stellt sich unweigerlich die Frage: Wird man enttäuscht sein? Denn wer kennt sie nicht, die verführerischen Hüllen, die einem schnell enttäuschen können, wenn man den Inhalt erst einmal ausgepackt hat.

Also diejenigen, die von verrückten Charakteren nicht genug bekommen können, werden in der Geschichte davon ausreichend bedient. In dem Roman hagelt es nur so von Leuten mit ihren Leidenschaften, Obsessionen, dass einem manchmal von der Hemmungslosigkeit beinah schwindelig wird. Andere verschweigen diese dunklen Kanäle der Menschheit lieber, Hanif Kureishi formuliert es allerdings dermaßen geschickt, dass einem einiges wieder fast natürlich erscheint. Hier gibt es Fetischparties, Sexorgien, Bordellbesuche und Parties, wo neben dem Gin auch Koks herumgereicht wird. Es dauert nicht lange, bis man auf den Seiten herumhämmert, weil einem der Stoff einerseits verdammt unwirklich erscheint, sehr aufwühlt und andererseits so realitätsnah beschrieben wurde, dass man schnell das Atmen vergisst.

~ Das Bonbon ~

Im Großen und Ganzen handelt das Buch von Menschen, die nicht mehr jung und doch zu jung sind, um sich als Greisen durchs Leben zu schleifen. Die Männer helfen ihrem kleinen Freund mit Viagra auf die Beine, die Frauen suchen nach einer Liebe fürs Alter.

Der Ich-Erzähler – Jamal – ist Psychoanalytiker und trägt ein dunkles Geheimnis mit sich, das er all die Jahre unterdrückt hat, bis er seine Jugendliebe Ajita von damals wiedertrifft. Seine Schwester Miriam führt ein wildes Leben und hat mehr Tatoos als die Gate Gallery Bilder. Und Bushy, der Chauffeur, ist eigentlich ein großer Gitarrenvirtuose, der seinen ersten Auftritt in einem Fetischlokal hat. Während fremde Menschen über sich herfallen, zupft er an seiner Gitarre. Jamal und seine Freunde stehen mit beiden Beinen im Leben und wissen um die komische, zärtliche und manchmal traurige Aufgabe, ein Mensch zu sein. Sie setzen alles aufs Spiel, damit es gelingt.

~ Der Nachgeschmack ~

Hanif Kureishi hat eine lockere Sprache, die an Ping-Pong-Bälle erinnert. Es macht Spaß seinen Sätzen zu folgen, seinen Ereignissen, die von Grün ins Schwarze wechseln, ohne das man damit rechnet. Ich mag dieses Buch, weil es genauso ist wie das Leben selbst, ein Widerspruch in sich, leicht, unterhaltsam, mitreißend, betörend.

~ Der Autor ~

Hanif Kureishi wurde 1954 als Sohn einer Engländerin und eines Pakistani in London geboren. International bekannt wurde er 1985 mit seinem Drehbuch Meine wunderbarer Waschsalon. 1998 schrieb er das Drehbuch zu Patrice Chéreaus Film Intimacy, der bei den Berliner Festspielen 2001 den Goldenen Bären gewann. Für sein Romandebüt Der Buddha aus der Vorstadt erhielt er 1990 den Whitbread Prize. Hanif Kureishi ist Verfasser zahlreicher Drehbücher, Erzählbände und Romane.

Pippa Lee – Rebecca Miller

Die Vergangenheit ist unser Schlüssel. Egal, ob das Schloss nun passt oder nicht, aber wir tragen ihn das ganze Leben bei uns um den Hals und auch im Herzen. Da können wir noch so viel boxen und strampeln, er ist da und bleibt. Einzig die Art und Weise, wie wir mit ihn umgehen, öffnet uns die Türen so wie wir es wollen.

Eine bessere Studie als Pippa Lee kann uns dazu nicht dienen. Die Geschichte dreht sich, wie sie es schon plakativ ankündigt, von einer gewissen Pippa Lee. Sie ist das beste Beispiel dafür, dass der Schlüssel passen kann, auch wenn wir es uns vorher nicht vorstellen können.
Pippa wächst in einem ziemlich verdrehten Haushalt auf. Ihr Vater ist Pfarrer und schließt die Augen, wenn es um seine Frau geht. Diese nimmt, seit Pippa denken kann, Tabletten, die den Appetit zügeln, nur damit sie nie so dick wie ihre eigene Mutter wird. Aus diesem Grund ist sie ständig irgendwie hippelig, auf Drogen und damit ihrer Tochter fremd. Wenngleich Pippa ihre Mutter über alles liebt, verabscheut sie sie um so mehr.  Weil Pippa diesen Wahnsinn irgendwann nicht länger aushält, zieht sie sehr früh von Zuhause aus, zu ihrer lesbischen Tante nach New York. Diese lebt wiederum mit einer Frau zusammen, die sich den dunklen Sehnsüchten der Menschen zugeneigt fühlt und entführt Pippa in Clubs, bei denen die Frau ihren Mann an der Leine führt. Pippa trinkt, nimmt Drogen und macht sonst verrückte Sachen. Sie hat zwei Seiten in sich und kann sie nicht zügeln. Irgendwann lernt sie jedoch einen älteren Mann kennen, der ihr zeigt, dass man auch mit beiden Seiten leben kann.

Dies ist ein sehr lesenswerter Roman, von dem man es zunächst nicht für möglich hält: Das Rosa und die Aufmachung versprechen eigentlich ganz andere Dinge. Aber halt!! Dies ist kein Kitsch, sondern das Leben pur. Mit dem Lieben und mit dem Leiden. Mit dem Lachen und mit dem Weinen. Er ist eine Kette an Sehnsüchten, Wünschen und ein Kaktus an Enttäuschungen, Wut und vor allem an Selbsterkenntnis. Das Stück Literatur ist authentisch. Es räumt mit dem unrealistischen Bild von perfekten Familien auf und hält allen den Spiegel vor Augen. Pippa Lee ist eine großartige Frau und ich würde mich freuen, sie eines Tages zu treffen. So wahrhaftig, einsichtig, liebenswert und gütig.

Nebelsturm – Johan Theorin

Dies ist ein Meisterwerk an anspruchsvoller, spannender Krimiliteratur. Selbst wenn man nur kurz in das Buch reinlesen will, bleibt man unwillkürlich hängen, lässt alles liegen und stehen – auch die Zeit – und folgt den Buchstaben, die eine düstere Geschichte erzählen.

Genauer genommen geht es um Katrine und Joakim, die auf Öland ein altes Anwesen, Aludden, kaufen, um es liebevoll zu renovieren. Darin sind sie Profi. Was sie allerdings nicht wissen, ist, das dieser Hof, der damals angeblich aus dem Holz, das nach dem Untergang eines Schifffes geborgen wurde, zusammengebaut worden ist. Seitdem, so sagen es alte Legenden, hängt ein alter Fluch über den Hof. Nachzulesen ist dies in der alten Scheune, wo an der Wand zahlreiche Namen von Toten eingeritzt sind.

Es dauert nicht lang, da schlägt das Unheil auch bei den beiden zu, die mit ihren Kindern, Livia und Gabriel, von Stockholm nach Öland gezogen sind. An einem Tag, als Joakim noch einmal nach Stockholm fährt, um restliche Sachen zu holen, hört er auf einmal etliche Kilometer von Öland entfernt seine Frau Katrine rufen und ahnt, dass etwas Schreckliches passiert sein muss.

Dieser Krimi sprüht vor Spannung, weil er auf beklemmende Art düster ist: Es ist kalt, es ist dunkel, nachts schreckt die Tochter Livia immer auf und ruft: Ma-ma, Ma-ma. Überall knirscht es, Schritte tauchen aus dem Nichts aus. Parallel dazu wird auch noch die wahre Geschichte – so nimmt  man als Leser es zumindest an – von Aludden erzählt. Ein Schreck folgt dem nächsten, ein Toter dem nächsten, das man sich fragt: Wann hört das endlich auf?  Johan Theorin ist äußerst raffiniert dabei vorgegangen und ohne, dass immer etwas Schlimmes passiert, ahnt man es schon, dass etwas auf einem zukommt, etwas Furchtbares. Ständig kribbelt es in den Augen – sei es durch den Schnee, der über die Insel fegt oder durch die Spannung, die alles im Griff zu haben scheint.

„Nebelsturm“ – Johan Theorin
Piper Verlag, Dezember 2009
19,95 €

Erbarmen – Adler Olsen

Man liest den Klappentext des Buches und denkt sofort: Das geht gar nicht. Nein, so etwas Grausames kannst du nicht lesen. Herzlichen Glückwünsch zu deinem Geburtstag, Merete. Du bist jetzt hier seit 126 Tagen, und das ist unser Geburtstagsgeschenk: Das Licht wird von nun an ein Jahr lang eingeschaltet bleiben. Es sei denn, du weißt die Antwort: Warum halten wir dich fest? Diese Antwort weiß Merete natürlich nicht. So wird sie weiterhin gefangen gehalten in einem fensterlosen Raum, der nur durch eine Schleuse zur Außenwelt verbunden ist. In dem Raum herrscht ein sehr hoher Luftdruck.

Merete Lynggaard ist eine hübsche Politikerin, die sich stets liebevoll um ihren behinderten Bruder, Uffe, gekümmert hat. Auf einer Überfahrt mit dem Schiff, verschwindet sie spurlos.  Uffe spricht seitdem nicht mehr, die Polizei sucht verzweifelt nach der Frau, findet sie nicht und legt  den Fall bald ungeklärt zur Seite.
Carl Morck soll nun Fälle erneut aufgreifen, die mangels ausreichender Fahndungserfolge ruhen – und so gerät er bald an den Fall der Merete Lynggaard. Der Kommissar ist – wie die meisten skandinavischen Kommissare – eigen, gerade jetzt strengt er seine Mitmenschen sehr an. Er hat bei einem Einsatz einen Kollegen verloren, der andere liegt noch im Krankenhaus. Da kommt seinem Chef die Gelegenheit wie gelegen, das staatlich subventionierte Sonderdezernat Q zu gründen. Zusammen mit Assad, einer Hilfskraft, bezieht Morck einen Raum im Keller des Kommisariats, und sucht nach Puzzleteilen, die bei der Politikerin immer noch fehlen. Je mehr er jedoch in den Fall hineingerät um so mehr glaubt er, dass dies noch nicht beendet ist.

Jussi Adler Olsen hat einen wirklich düsteren und sehr spannenden Krimi geschrieben. Das Buch ist durch seine verknüpften Handlungsstränge raffiniert aufgebaut, so dass der Leser zwischen dem Heute, in dem Carl Morck ermittelt und dem Gestern, in dem Merete entführt wurde und seitdem in dem Raum hockt, hin- und herspringt, bis sich beide Linien… Nein, das wird nicht verraten. Vor allem den Stieg Larsson Fans könnte dieser Krimi gefallen, aber auch Liebhaber skandinavischer Krimis werden dieses Buch nicht mehr zur Seite legen. Am Ende sagt man, ohne zu zögern: Ja, das geht.

„Erbarmen“ – Jussi Adler Olsen
dtv Verlag, Oktober 2009
14,90 €

Wie mag es sich wohl anfühlen, auf einem zugefrorenen See zu stehen und nicht zu wissen, ob das Eis tatsächlich dick genug ist, das es auch dem eigenen Gewicht standhält? Schweben möchte man dann sicherlich gern oder wie ein Schwan auf- und davonflattern. Um das Halbe und nicht das Ganze geht es in dem neuen Buch von Audrey Niffenegger. Sie erzählt die Geschichte von Elspeth, die verstorben ist und die Wohnung ihren beiden Nichten, den Zwillingen, Valentina und Julia vererbt. Die beiden jungen Frauen aus Amerika nehmen das Angebot an und ziehen nach London. Was die beiden bis dahin noch nicht wissen: Es wird sich mehr ändern, als sie es je für möglich gehalten haben.

Elspeth liegt nebenan auf dem Highgate Friedhof im Familiengrab, doch sie lebt noch weiter, zumindest in der anderen Welt, als durchsichtiger Schatten fliegt sie durch ihre Wohnung und ist den beiden Zwillingen auf den Fersen, neugierig umschwebt sie die beiden und versucht bald, Kontakt mit ihnen und Robert, Elspeths Freund, aufzunehmen.
Robert arbeitet nebenan auf dem Friedhof, dadurch erfährt man einiges über die bekannte Ruhestätte, wo u.a. Karl Marx unter der Erde liegt. Valentina fühlt sich zu Robert hingezogen, dieser wiederum kann sich durch deren Ähnlichkeit mit Elspeth nicht entziehen. Valentina wacht schon bald aus ihrem Dornröschenschlaf auf, will sich von ihrer Schwester freischwimmen. Aber zwischen dem Wollen und dem ersten Schritt können manchmal hunderte gefühlte Kilometer liegen. Als der Kontakt mit ihrer Tante intensiver wird, beginnt ein Spiel, das bald nicht mehr aufzuhalten ist.

Julia freundet sich mit Martin an, ein Freund von Robert und Elspeth, der ebenfalls in dem Haus wohnt. Er leidet unter Angstzuständen, verpackt alles Mögliche in Folien und schafft es nicht einmal, ins Treppenhaus zu gehen. Seine Frau hat ihn jetzt nach Jahren verlassen und ist zurück in ihre Heimatstadt Amsterdam gegangen.

Audrey Niffenegger hat einen ruhigen, melancholischen Roman geschrieben, den man irgendwie nicht ganz zu fassen bekommt. Dadurch verliert er jedoch nicht an Reiz, ganz im Gegenteil, immer wieder schlägt man das Buch auf, um Robert, Martin, Julia, Valentina und Elspeth zu folgen. Leser, die Ganzes suchen, werden hier schnell ihren Anreiz verlieren, denn die Geschichte ist vom Anfang bis Ende irgendwie unbestimmt wie ein Nebelschleier zieht sie vor den Augen vorüber, ohne einen groß anzustoßen, doch wer ihr folgt, spürt ihn bald, einen schüchternen Hauch an den Wimpern. Das Ungewisse weicht nicht, ist standhaft ,so stark, dass am Ende der Leser mit der Frage zurückbleibt: Bricht nun das Eis oder nicht? Oder anders: Gibt es ein Leben nach dem Tod oder nicht?

„Die Zwillinge von Highgate “ – Audrey Niffenegger
Fischer Verlag, Oktober 2009
19,95 €

Ich habe selten so schöne Weihnachtsgeschichten gelesen, die mich auf eine vertraute Art in den Schlaf gewogen haben. Von irgendwo hörte ich fröhliches Kinderlachen, das Knirschen von Schnee unter kleinen Schuhen und das Knistern vom Feuer. Die Weihnachtsgeschichten holen uns die bekannten Kinder aus Astrid Lindgrens Büchern unterm Tannenbaum. Ich spreche von Madita,Lisabet, Mia-Maria, Jonas, Lotta, Pelle, Johann und vielen anderen, die in einer Zeit spielen, die mir vollkommen fremd ist und gleichzeitig ein Heim geben, aus dem ich als Gast nicht wieder hinaustreten möchte, zumindest jetzt noch nicht.

Am meisten beeindrucken mich die Kinder, die so mutig, hilfsbereit, bescheiden und auf eine liebevolle Art eigensinnig sind, Fehler machen, die sie zunächst aus der Kurve schleudern, welche sie später aber hinnehmen wie Lotta, die eben doch nicht alles kann, wie sie anfangs ihren Geschwistern groß posaunte, denn Slalom bekommt sie einfach nicht hin. Oder Lisabet, die dem kleinen Gustav beweisen will, dass sie auch auf einen fremden Schlitten steigen und auf den Kufen mitfahren kann wie er. Dumm nur, wenn der Schlittenfahrer nicht anhält und wie wild durch die Gegend fährt bis Lisabet irgendwann die Kraft verliert, dem Fahrer schließlich zum Anhalten bittet und dieser total gedankenlos das Mädchen ausmeckert und es allein im Wald stehen lässt. Dumm nur, dass es ausgerechnet dann so sehr schneit, dass „Lisabet so böse auf den Schnee ist, dass sie am liebsten darauf spucken möchte“. Am Ende wird sie Gott sei Dank von den Hansson, die mit ihrem Schlitten vorbeifahren, mitgenommen und nach Birkenlund gebracht. So ist es mit den meisten Geschichten. Die Jungen und Mädchen tappsen in die Falle und kommen dann doch geschickt wieder hinaus.

Die Kinder wachsen in Lindgrens Weihnachtsgeschichten oft über sich hinaus wie beispielsweise Polly. Pardon: Die patente Polly, die schon, als sie noch mit drei Monaten im Korb vor Großmutters Haustür lag, irgendwie patent ausgesehen hat. Polly hilft nun ihrer Großmutter, weil die sich ihr Bein gebrochen hat und das nur wenige Tage vor Weihnachten! Genau dann, als die selbstgemachten Bonbons auf dem Weihnachtsmarkt verkauft werden müssen. Und nicht zu vergessen, ist da noch das Haus, das vor dem besonderen Ereignis hergrichtet wird, bei Astrid Lindgren heißt das: Das Weihnachtsgroßreinemachen. In einer anderen Geschichte lacht man allerdings nicht so viel: „Als der Bäckhultbauer in die Stadt fuhr“. Der Leser erlebt einen traurigen Johann, der nur zwei Tage vor Weihnachten seine geliebte Kuh verlor, weil sie einen Nagel verschluckt hat. Die ganze Familie ist von der Kuh abhängig und alle sind tief betroffen. Ebenso der Junge, dem Astrid Lindgren folgende Worte in den Kopf legt: „Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, dachte Johann. Es gab keine Hilfe für den, der arm war. Es geschahen nur entsetzliche Dinge. Kühe starben einem weg und weder Gott noch die Menschen fragten danach.“ Nach diesen Sätzen muss man erst einmal schlucken und innehalten, so sehr treffen sie den Leser ins Herz. Doch eben dies gehört auch in ein Weihnachtsbuch, Geschichten über Menschen, die kämpfen müssen, um zu überleben. Die Autorin zeigt es und gibt Hoffnung. Der Stern am Himmel leuchtet nach Erlebnissen wie diesen noch kräftiger am Himmel.

Was mich immer wieder aufs Neue fasziniert und begeistert, ist die Sprache der Autorin. Sie legt den Kindern liebevolle freche Sätze in den Mund, aber auch Sätze tiefer Menschlichkeit und Gefühl, Sätze, in die man sich gern hineinlegen möchte wie in einen Schlitten, man möchte auf und davonfahren mit diesen Sätzen, weil sie den Kindern eines sagen: Hab kein Angst! Sei mutig und sei ganz du selbst! Riskier auch mal was! Wenn du hingefallen bist, kannst du auch wieder aufstehen!

Nicht selten frage ich mich: Wo sind die Kinder von einst geblieben? Kinder, die sich für kleinen Dinge begeistern? Kinder, die sich über das Weihnachtsfest freuen, weil es auch bedeutet, dass alles liebevoll hergerichtet ist, dass es leckere Köstlichkeiten zum Essen gibt, Nüsse und Bonbons und das alle gemeinsam Haus und Hof für das Fest herichtet; Lieder werden gesungen, alle freuen sich über den Schnee. Bei Astrid Lindgren dreht es sich nicht hauptsächlich um die Frage, was es für Geschenke gab, sondern, was es für ein wunderbares Erlebnis ist, wenn die ganze Familie beisammensitzt und alle Augen vor Glück strahlen.

„Pelle zieht aus und andere Weihnachtsgeschichten“ – Astrid Lindgren
Oetinger Verlag, 1985
16,90 €

Der Vorhang bewegt sich nur träge als könne er sich nicht richtig entscheiden, ob er Tageslicht durchs Fenster lassen will oder nicht. So geht es eine ganze Zeit, so scheint es zumindest – über 333 Seiten. Der Vorhang ist eigentlich ein Lid, denn die Augen des Lesers von „Louise im gestreiften Leibchen“ bleiben stets ein Stückchen geschlossen, weil etwas fehlt. Ist es Louise? Ist es die Farbe Blau? Oder liegt es tatsächlich an der trüben Jahreszeit?

Mathias Nolte schickt in seinem neuen Roman Charlotte Pacou, genannt Charlie, als Privatdetektivin auf die Suche nach einem Bild, das den Titel „Louise im gestreiften Leibchen“ trägt. Während ihrer Recherche gerät sie immer mehr in das Leben dieser Frau, dem Maler und das Leben Ende der Fünfziger Jahre in Berlin. Der Leser streift mit ihr zusammen durch Straßenzüge, besucht bekannte Lokale – das alles fühlt sich täuschend echt an. Doch die Menschen selbst in dem Roman sind leer, blutleer. Vor allem Charlie verwirrt durch ihr Verhalten, ihre Äußerungen. Würde sie eine Namenskette tragen, wäre das Wort suspekt genau das passende, das ihren Hals schmückte.

Die beiden Geschichten, die sich im Roman wiederfinden, sind raffiniert miteinander verwoben und bringen eine gewisse Spannung mit, aber das Buch bleibt die ganze Zeit auf dem gleichen Level, es gibt keinen Tiefpunkt und es gibt keinen Höhepunkt. Das ruhige Dahinplätschern eines Baches, das keine hohen Steine umfließt.
Mathias Nolte konnte mich dieses Mal kein bisschen überzeugen. Der Unterschied zwischen „Roula Rouge“ und „Louise im gestreiften Leibchen“ ist so enorm wie ich es selten bei einem Autoren erlebt habe. Schade, denn ich hätte ihm und mir etwas anderes gewünscht.

„Louise im gestreiften Leibchen“ – Mathias Nolte
Deuticke im Zsolnay Verlag, 2009
22,90 €

Liebe/r Leser/in,
sag nicht am Ende, ich hätte dich nicht vor diesem Buch gewarnt, denn es ist wie ein Sog, das dich von Anfang mitzieht in eine dunkle Welt, die du bis dahin so noch nicht kennengelernt hast. Der Roman spielt in einer Moorlandschaft an der finnischen Küste und hat nur eine Frage: Wer hat das amerikanische Mädchen umgebracht? Das hinter dem Mord noch viel mehr steckt, verstehst du relativ schnell. Du tauchst ein in die Spiele der Doris Flinkenberg und Sandra Wärn. Du staunst über die geistreichen Gedanken der Nix Herrmann: „Man verliebt sich in jemand, der etwas in einem zum Leben erweckt.“ Du hälst die Luft an oder kommst gar nicht zum Atmen, wenn du durch die raffinierten Sätze der Autorin liest. Oft wirst du deinen Kopf schütteln und sagen: „Das gibt es nicht, das gibt es nicht.“ Gänsehaut wird deinen Körper von oben bis unten befallen. Deine Träume werden nicht mehr im Paradies spielen, sondern dort in der Moorlandschaft bei all den verrückten Menschen. Dieses Buch ist düster und könnte die Schwester der Fernsehserie Twin Peaks sein. Subtil frisst sich der Roman in dein Leben, ohne dass du es erst bemerkst. Und wenn du morgens schweißgebadest aufwachst, noch Wasser im Haar, sag bitte nicht, ich hätte dich nicht vor dem Buch gewarnt!

„Das amerikanische Mädchen“ – Monika Fagerholm
Fahrenheit, 2008
22,90 €

Ich mag dieses Buch sehr. Immer noch. Zunächst hatte mich eine Rezension auf Amazon.de abgeschreckt, aber ich glaubte weiterhin an das Band, das uns verbindet. Das Buch habe ich eigentlich nur im Regal stehen, weil mir eine Bekannte einst sagte: „Das ist genau deins.“ Warum, wusste ich nicht, denn sie kannte das Buch ja nicht einmal. Jedoch das Cover und die Inhaltsangabe reichten ihr offenbar aus, um eine Verbindung zwischen dem Buch und mir herzustellen. Sie sollte Recht behalten.
Gwendoline Riley erzählt die Geschichte von Carmel, ein junges Barmädchen aus Manchester. In dem Leben der jungen Frau, die gerade 20 Jahre alt ist, passiert nicht wirklich viel Weltbewegendes… Bar- und Trinkabende, Liebesgeschichten und Freundinnen, doch als Leser kann man sich dem nicht entziehen, weil die wenigen Seiten, 152 sind es, von einer schönen Melancholie und Herzlichkeit getragen werden. Nicht selten, halten einen schöne Sätze auf. Und man merkt, dass die Protagonistin ein Faible für gute Bücher hat, welche sie auch reichlich liest, sei es in einem Bahnhofscafé oder hinterm Tresen, wenn nicht viel los ist. Dann kommen eben Gedanken wie diese aus ihrem Kopf:

„Nachts sind die Dinge bedeutungsvoll. In der Geisterstunde mit einer Freundin und Musik, die aus dem Nichts zu kommen scheint. Aus dem All. Aus der Wüste.“

Irgendwie erinnert mich dieses Buch an einen nicht enden wollenden Sommernieselregen. Er ist so beharrlich, aber auch unwahrscheinlich sanft, das man sich an ihn gern gewöhnt, weil er die Stellen berührt, die durstig sind und sich nie satt trinken wollen.

„Cold Water“ – Gwendoline Riley
Schöffling & Co., 2008.
17,90 €

Auf meinem Notizzettel zu diesem Buch finde ich folgende Aufzeichnungen: Dies ist eine Odyssee über das (Er)leben von armen (überleben) und reichen (verleben) Menschen, dem Glück, dem Unglück, dem Hoffen, dem Versagen, dem Entmutigen und dem des Wiederaufstehens.

Dieses Buch leuchtet mit seiner Vielfältigkeit und reißt den Leser so sehr mit, dass er gar nicht den Gedanken daran verschwendet, zu überlegen, ob er das Buch nun lesen soll oder nicht. James Frey erzählt in seinem neuesten Werk das Leben der verschiedensten Menschen, die wie heiße Motoren von ihren Träumen und Sehnsüchte angetrieben werden. Es ist erschreckend, wieviele tausend Menschen jährlich in Los Angeles landen. Vorher waren sie bekannte Schauspieler, Modells, Comedians, doch in der Hauptschlagader des großen Unterhaltungsapparats gehen sie kläglich unter. Viele enden als Kellner, Türsteher oder Verkäufer. Das ist der eine Blick. Der andere Blick zoomt uns Frauen wie Maddie, Esperanza oder Männer wie Dylan, Old Man Joe oder Amberton ganz nah heran. Was für einen die Flasche billiger Wein Glück auf Erden bedeutet, ist für den anderen die grenzenlose Freiheit, sein eigenes Leben aufzubauen, eine eigene Wohnung zu besitzen. Ehe man sich versieht, hängt man in einem Netz, aus dem man sich so schnell nicht mehr befreien kann, weil diese einzelnen Schicksale, authentisch und sensibel, jede wache Faser der Aufmerksamkeit beanspruchen, das zu Recht und mit großer Freude, wie ich am Ende des Buches feststellen durfte.

„Strahlend schöner Morgen“ – James Frey
Ullstein Verlag, 2009.
22,90 €

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